Restaurant Cinque

Restaurant Cinque, Zürich: Hübsch durchschnittlich

Das Restaurant Cinque liegt in der hippen Langstraße in Zürich zwischen lauter Newcomern – allerdings schon seit 50 Jahren. Kann es die hohen Erwartungen erfüllen, mit denen ich einem Italiener in Züricher Premiumlage automatisch begegne?

Das Konzept: So retro, dass es neu sein könnte

Restaurant Cinque
Foto: Das italienische Restaurant befindet sich auf der angesagten Langstraße. © Dieses Foto wurde von TripAdvisor zur Verfügung gestellt.

Wenn es in der Gastronomie ein Konzept gibt, das nicht erklärungbedürftig ist, dann heißt es: Italienisch. Italienisch ist klar. Natürlich könnte jeder italienische Wirt einen tagelangen Vortrag über die Besonderheiten seiner Regionalküche und die Spezialitäten seiner Mutter halten. Gourmets schmecken im Zweifel sogar heraus, wie viele Sonnenstunden eine Tomate in Apulien hatte und ob sie überhaupt aus Apulien kommt. Die meisten Menschen aber betrachten Italienisch als großes kulinarisches Ganzes, das weniger an Details gemessen wird als vielmehr an seiner allgemeinen Qualität.

Ich habe selbst italienische Restaurants in mehreren meiner Hotels betrieben und gehöre damit vielleicht nicht zu den radikaleren Vertretern, aber doch eher zu ersterer Gruppe: Wenn Italienisch, dann muss es richtig gut sein. Und nach vielen Jahren in der Schweiz und diversen Kooperationen mit einigen der besten italienischen Köche bin ich in dieser Hinsicht ziemlich verwöhnt.

Wenn es in einer Stadt so viele authentische Italiener (Einwohner und Restaurants) gibt wie in Zürich, dann liegt die Latte sowieso ein gutes Stück höher als anderswo. Ein Italiener, der in Zürich als ganz okay gilt, würde in Köln vielleicht begeistert aufgenommen werden. Hinzu kommt, dass die Schweizer sowieso ständig essen gehen – vielmehr, als die Deutschen es tun. Alles Faktoren, die dafür sorgen, dass ein Italiener in Zürich schon richtig gut sein muss, um Eindruck zu schinden.

Wenn er dann noch so prominent liegt wie in der hippen Langstraße, steigt die Erwartung ein weiteres Mal.

Die Location: Ein Klassiker unter Hipstern

Restaurant Cinque
Foto: Shabby Chic meets italienisches Wohnzimmer © Dieses Foto wurde von TripAdvisor zur Verfügung gestellt.

Die Langstraße ist so etwas wie die Weserstraße in Berlin-Neukölln: War lange ein ziemlicher Brennpunkt und ist es teilweise immer noch, gleichzeitig aber total angesagt. Viele brandmarken die Langstraße noch immer als Sündenpfuhl, doch die Gentrifizierung hat sie zu ihrem Hotspot erkoren. Hier gibt es Straßen-Dirnen, Partyvolk und offizielle Cannabis-Shops, aber eben auch das 25hours-Hotel, angesagte Boutiquen und überhaupt gar keine Parkplätze – was mich jedes Mal in den Wahnsinn treibt. Und doch komme ich wieder, denn spannend ist die Langstraße eben doch.

Viele Bars und Restaurants sind hier relativ neu – Blüten der Hipster-Kultur. Das Cinque nicht. Das gibt es hier schon seit 50 Jahren. Eine Institution in der Langstraße, seit einem halben Jahrhundert! Trotzdem, oder vielleicht genau deswegen, könnte das Interieur auch einem Creative Director gefallen: Die rote Eingangstür sieht aus wie die eines halblegalen Nachtclubs. Drinnen zieren historische Familienfotos, gerahmte Fußballtrikots mit Lichterketten und eine Art Schrein mit allerlei katholischen Devotionalien, lose angeordnete Regale mit Krimskrams und Biedermeier-Lämpchen die Wände. Wenn man dem Design einen Namen geben möchte, wäre es wohl so etwas wie Shabby Chic meets italienisches Wohnzimmer.

Restaurant Cinque
Foto: Die Terrasse bietet im Sommer viele Sitzgelegenheiten für eine Mahlzeit im Freien © Dieses Foto wurde von TripAdvisor zur Verfügung gestellt.

Die 70 Plätze sind klassisch-gemütlich eingedeckt; an Atmosphäre mangelt es dem Cinque auf keinen Fall. Dafür sorgen auch die Mitarbeiter, die sich auf Italienisch unterhalten. Ein wichtiges Signal an die Gäste – nicht jeder Italiener wird schließlich von Italienern betrieben. Der Inhaber stammt aus der Toskana, Küchenchef Francesco aus Lecce in Apulien, wie mir der Kellner verrät.

Ob ein Italiener zu den guten gehört, merke ich als langjähriger Wahl-Züricher schon lange, bevor ich ihn betreten habe: Wenn er zur besten Lunchzeit in einer Location wie der Langstraße mit vielen Büros und Geschäften nicht voll ist, ist das kein gutes Zeichen. Und das Cinque ist bei meinem Besuch an einem Mittwochmittag nur etwa zur Hälfte besetzt.

Vielleicht habe ich nur einen schlechten Tag erwischt. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ein Restaurant in der Langstraße in diesen Tagen eher neu und hipp sein muss als 50 Jahre lang etabliert, um die In-Crowd anzuziehen. Und vielleicht hat das Cinque auch nur ein Lunch-Problem, denn sonderlich günstig ist es nicht.

Vielleicht bietet aber auch das Essen Aufschluss darüber, warum hier nicht mehr los ist.

Die Qualität: Lunch und Dinner à la carte im Test

Cinque Zürich
Foto: Italienischer Dessert-Klassiker - Panna Cotta

Und das tut es. Tatsächlich entpuppt sich das Cinque als einer jener Italiener, die ich wirklich nicht als schlecht bezeichnen kann; in einer Stadt wie Zürich, wo ich an jeder Hand fünf hervorragende Italiener abzählen kann, aber auch nicht als begeisternd.

Ich entscheide mich zuerst für einen typischen italienischen Salat, der frühlingshafte Frische verspricht. Leider enthält er so viele bittere Bestandteile, dass die Frische in Strenge kippt. Eine anregende Mischung von Aromen, wie ich sie mir von einem italienischen Salat verspreche, entsteht auf meiner Zunge nicht. Zum Beispiel fehlt es dem Dressing gänzlich an frischen italienischen Kräutern – und das ist das Mindeste, das ich von einem italienischen Salat erwarte. So bekomme ich ihn auch bei jenen Italienern, bei denen keine Italiener kochen; der erste Gang ist keine Glanzleistung.

Für den Hauptgang erkundige ich mich nach der Spezialität des Hauses, und der Kellner zögert keine Sekunde mit seiner Antwort: Risotto! Das sei die Paradedisziplin des Küchenchefs. Da gerade Saison ist, rät er zum Steinpilz-Risotto. Meine Erwartung steigt.

Restaurant Cinque
Foto: Die Atmosphäre ist klassisch-gemütlich © Dieses Foto wurde von TripAdvisor zur Verfügung gestellt.

Und wird enttäuscht. Risotto, jeder weiß es, ist tückisch, aber auch kein Hexenwerk für einen erfahrenen italienischen Koch. Es muss „schlotzig“ sein – cremig-weich, aber mit bissfesten Reiskörnern. Pampig geht gar nicht.

Und mein Risotto ist leider pampig – zu buttrig-weich, um nicht zu sagen zerkocht. Die Reiskörner sind nicht bissfest. Hätte ich mir Mühe gegeben, hätte ich es wahrscheinlich mit dem Strohhalm einsaugen können. Vielleicht war es schon fertig und wurde vor dem Servieren zu lange weitergekocht – ich weiß es nicht und möchte nicht spekulieren. Klar ist aber: Risotto kann nur à la minute zubereitet und serviert werden, wenn es schmecken soll – beim Lunch-Geschäft ist das natürlich eine Herausforderung. Es ist geschmacklich vielleicht kein schlechtes, aber alles in allem auch einfach kein gutes Risotto, das mir im Cinque als Spezialität des Küchenchefs verkauft wird.

Nun ist das Lunch selten das Highlight eines Restaurants. Um mir ein faires Bild zu machen, komme ich am Abend noch einmal wieder. Dieses Mal probiere ich das Kotelett di Vitello. Und siehe da: Mein 350g-Kalbskotelett hat feinste Qualität. Die Zubereitung ist nicht spektakulär, aber absolut solide. Auch, dass die Salbeibutter selbstgemacht ist, schmeckt man sofort. Die Bratkartoffeln hätten allerdings mehr Farbe vertragen können.

Das Cinque ist offenbar der seltenere Fall eines Italieners, der sich bei den weitaus seltener bestellten Fleischgerichten besser schlägt als bei den Klassikern wie Pasta, Salat und Risotto.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis: Typisch Zürich

Restaurant Cinque
Foto: Im Cique wird mit marktfrischen Zutaten gekocht © Dieses Foto wurde von TripAdvisor zur Verfügung gestellt.

Das Preis-Leistungsverhältnis wäre in Deutschland eine Unverschämtheit, für Züricher Verhältnisse ist es als moderat zu bezeichnen. Pasta für 24 bis 34 CHF ist in Zürich einfach durchschnittlich.

Insofern passen die Preise zum Essen und bieten keinen Grund zur Beschwerde. Die ständig wechselnden Fleisch- und Fischgerichte sind mit um die 50 CHF doch noch einmal spürbar höher angesetzt; dafür verspricht die Küche aber marktfrisches Fleisch bzw. Fisch, und das ist in Zürich nun mal ein teures Gut.

Im Gegensatz zum eher enttäuschenden Lunch war das Kalb zum Dinner mir den Preis aber allemal wert. Teuer ist eben immer relativ.

Der Service: So gar nicht italienisch

Viele Italiener zeichnen sich durch ihren herzlichen bis überschäumenden Service aus – der Wirt meines Lieblings-Italieners in Köln empfängt mich bei jedem Besuch wie einen verlorenen Sohn.

Auch in dieser eigentlich klassischen Disziplin sieht es im Cinque eher mau aus: Der Service tut, was er muss, hat aber kein Begeisterungspotenzial. Und das ist für einen Italiener in der harten Züricher Konkurrenz ein echter Nachteil.

Restaurant Cinque
Foto: Das Cinque ist seit einem halben Jahrhundert eine Institution in der Langstraße © Dieses Foto wurde von TripAdvisor zur Verfügung gestellt.

Das Fazit: Die Kalorien wert?

Die Frage, ob das Cinque ein empfehlenswerter Italiener ist, ist erstaunlich schwierig zu beantworten. Bei zwei Mahlzeiten habe ich einmal ziemlich gut und einmal ziemlich schlecht gegessen. In einer Stadt mit so vielen hervorragenden Italienern wie Zürich darf sich ein Restaurant, zumal in so prominenter Location, eigentlich auch beim Lunch keinen Durchhänger leisten.

Deshalb kann ich dem Cinque keine wirkliche Empfehlung aussprechen. Stattdessen lautet mein Tipp: Wer abends zum Ausgehen in der Langstraße ist und sich am witzig-kitschigen Interieur erfreuen kann, lasse sich eines der wechselnden Fleisch- und Fischgerichte mit marktfrischen Zutaten servieren. Hier zeigt die Küche ihre Stärken. Fürs Lunch und die italienischen Klassiker gibt es in der Umgebung bessere Alternativen.

#Wertung

Service-Faktor
Service-Faktor
1
10
Design-Faktor
Design-Faktor
1
10
Herzlichkeits-Faktor
Herzlichkeits-Faktor
1
10
Innovations-Faktor
Innovations-Faktor
1
10
Kreativitäts-Faktor
Kreativitäts-Faktor
1
10
Nachhaltigkeits-Faktor
Nachhaltigkeits-Faktor
1
10
Wohlfühl-Faktor
Wohlfühl-Faktor
1
10
Hardware-Faktor
Hardware-Faktor
1
10
Gourmet-Faktor
Gourmet-Faktor
1
10

Die Bewertung erfolgt nach subjektiven und zugleich professionellen Gesichtspunkten aus meiner Perspektive als langjähriger Branchen-Insider anhand des Net Promoter Score auf einer Skala von 1 (unwahrscheinlich, dass ich das Unternehmen einem Freund oder Kollegen empfehlen würde) bis 10 (äußerst wahrscheinlich).


nach oben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.