Eggedal Borgerstue, Norwegen: Ab vom Schuss

Eggedal Borgerstue, Norwegen: Ab vom Schuss

Grande Real Villa Italia Hotel & Spa, Cascais: Eiskalt (ab)serviert

Landschaft, Essen und Wohnkultur gehören zu den besten Argumenten für eine Reise nach Norwegen. Mitten auf der grünen Wiese zwischen Oslo und Bergen hat unser Reise- und Hotelexperte Carsten K. Rath ein kleines Landhotel entdeckt, wo genau diese Argumente gepflegt werden und Gastfreundschaft noch großgeschrieben wird.      

  

#Wertung

Service-Faktor
Service-Faktor
1
5
10
Design-Faktor
Design-Faktor
1
5
10
Herzlichkeits-Faktor
Herzlichkeits-Faktor
1
5
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Innovations-Faktor
Innovations-Faktor
1
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Kreativitäts-Faktor
Kreativitäts-Faktor
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Nachhaltigkeits-Faktor
Nachhaltigkeits-Faktor
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Wohlfühl-Faktor
Wohlfühl-Faktor
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Hardware-Faktor
Hardware-Faktor
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Gourmet-Faktor
Gourmet-Faktor
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5
10
Usability-Faktor
Usability-Faktor
1
5
10

Die Bewertung erfolgt nach subjektiven und zugleich professionellen Gesichtspunkten aus meiner Perspektive als langjähriger Branchen-Insider anhand des Net Promoter Score auf einer Skala von 1 (unwahrscheinlich, dass ich das Unternehmen einem Freund oder Kollegen empfehlen würde) bis 10 (äußerst wahrscheinlich).

120 Kilometer nordwestlich von Oslo, etwa auf einem Drittel des Weges nach Bergen, liegt die Ortschaft Eggedal. Noch nie gehört? Keine Sorge, das ist keine Bildungslücke: Wer Eggedal kennt, war entweder schon dort, oder kennt sich unnatürlich gut mit norwegischer Geografie aus.  

In einem kleinen Tal zwischen Wäldern und grünen Hügeln gelegen, würde hier sogar Heidi Heimatgefühle entwickeln: Idyllischer geht es nicht mehr. Eggedal besteht im Prinzip aus einer Kirche, einem Tante-Emma-Laden und ein paar Wohnhäusern. 

Hier ist man wirklich ab vom Schuss – im absolut besten Sinne. Und genau das ist der Grund, warum man auf die Idee kommen könnte, hierher zu reisen: die Natur. Die Region wurde als eines der drei besten Wandergebiete der Welt ausgezeichnet. Von ihren Gipfeln kann man praktisch den gesamten Süden Norwegens auf einen Blick erfassen. Im Winter locken Vergnügungen wie Ice Racing mit Rallye-Wagen auf dem Eggedaler See Sulevannet. Auch eine Eis-Go-Kart-Strecke gibt es: das Sigdal Motorsenter 

Ich bin auf Einladung von Dr. Dr. Stein Tveten zum Ice-Racing angereist. Der ästhetische Chirurg und Besitzer eines Rennstalls hat die Gaudi mit ernstem Hintergrund organisiert, bei der wir mit bis zu 680 PS starken Rallye-Wagen auf einer einen Meter dicken Eisdecke das Driften lernen. Der Spaß ist ein Nebeneffekt; eigentlich geht es darum, uns zu besseren Autofahrern zu machen. Tatsächlich habe ich nie mehr über das Fahren gelernt als in diesen zwei Tagen.   

Doch nach dieser lauten Aktivität finde ich hier im Herzen der norwegischen Landschaft noch etwas ganz anderes: Ruhe. In den „Black Hole Hotels“ ohne Internet und Handy-Empfang bezahlen Menschen Unsummen für ein Zimmer, um einmal ungestört zu sein. Hier herrscht gratis eine Atmosphäre, die jede Hektik verbietet. Und was soll ich sagen: Es ist wundervoll.  

 

Eggedal.Borgerstue-Room
Eggedal.Borgerstue-Room
Eggedal Borgerstue, Norwegen: Ab vom Schuss
Eggedal Borgerstue, Norwegen: Ab vom Schuss
Eggedal Borgerstue, Norwegen: Ab vom Schuss
Eggedal Borgerstue, Norwegen: Ab vom Schuss
Eggedal Borgerstue, Norwegen: Ab vom Schuss
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Ein Haus mit Geschichte(n)

Die Borgerstue („Bürgerstube“) hatte ursprünglich einmal einen wichtigen Platz im sozialen Leben des Ortes: Sie diente den Menschen als Treffpunkt, als Zentrum der Bürgergemeinschaft. Das wunderschöne alte Haus wurde im 19. Jahrhundert extra für diesen Zweck errichtet. Es fungierte auch als Bank und Bibliothek der Gemeinde. Sogar der Arzt, der lokale Priester und die Polizei hatten ihre Büros in der Borgerstue – sie entwickelte sich also zu einer Art Gemeindezentrum und Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens.  

Dieses Erbe können die Gäste heute anhand der Namen ihrer Zimmer nachvollziehen. Die sind nach ihrer ursprünglichen Funktion benannt. Es gibt also eine „Arztstube“, eine „Priesterstube“ und eine „Polizeistube“. Wie viele Hotels in Europa diente das Gebäude während des Krieges auch kurzzeitig als Krankenhaus. Später wurde es zu einer Schule umfunktioniert und blieb es bis zur Umfunktionierung zum Hotel 1969. Mein Zimmer ist die „Lehrerstube“ – der Raum, in der der einzige Lehrer der Schule damals lebte.  

Doch da hören die Geschichten längst nicht auf: Der berühmte Maler Christian Skredsvig (1854-1924), der in Paris Preise für seine Kunst gewann, war ein Freund der Familie, hatte seine Galerie ganz in der Nähe und soll hier ein und aus gegangen sein. Er war mit dem norwegischen Meister schlechthin befreundet: Edvard Munch. Auf geheimnisvolle Weise soll er, so munkelt man im Ort, sogar direkten Einfluss auf die Entstehung des berühmten Bilds „Der Schrei“ gehabt haben, das eigentlich „Verzweiflung“ hieß.

Es ist immer charmant, wenn ein Hotel eine Geschichte hat. Wenn sie so unmittelbar greifbar ist wie hier, wird der Hotelaufenthalt zu einem doppelten Erlebnis: Die Geschichte(n) des Gebäudes schicken mich auf eine Zeitreise. Das ist einer der schönsten Aspekte der Hotellerie: In einem guten Hotel lernt man nicht nur ein Geschäftsmodell kennen, sondern das Land und die Leute. In der Borgerstue sogar ihre Vergangenheit.  

 

Eggedal-Borgerstue
Eggedal-Borgerstue

Keine Dienstleister, sondern Gastgeber

Die Borgerstue ist inzwischen in der dritten Generation familiengeführt – und die vierte steht bereits in den Startlöchern. Zum Frühstück darf ich bereits Kuchen probieren, den die Teenager-Tochter der Eigentümer selbst gebacken hat.  

An solchen Details werden die Vorteile eines familiengeführten Hotels deutlich – in einer Privatunterkunft wie der Borgerstue noch mehr als in einem Hotel mit Sternewertung. Hier geht es ausgesprochen familiär zu. Das ist natürlich immer Geschmackssache. Wer die Anonymität und Vergleichbarkeit eines größeren Hotels bevorzugt und ohne städtische Infrastruktur klaustrophobisch wird, wird hier kein Zimmer buchen. Doch wer nicht nur übernachten, sondern integriert werden möchte, wer richtig abschalten, die Alltagskultur live erleben und für jede Frage einen Ansprechpartner auf Augenhöhe haben möchte, der ist in der Borgerstue genau richtig.  

Hier einzukehren ist wie bei Freunden zu Besuch zu sein. Die Besitzer sprechen zudem sehr gutes Englisch und haben für alle Fragen und Anliegen ein offenes Ohr. Auf Wunsch geht die Freundschaft sogar bis in die Freizeitgestaltung. Wer zum Beispiel durch die malerische Landschaft reiten möchte: Ein Hinweis an die Besitzer genügt. Hier gibt es etwas Besseres als „professionelle Dienstleistung“: Hier gibt es Gastfreundschaft 

Eggedal-Norwegen-
Eggedal-Norwegen-

Rustikaler Charme zum Mitnehmen

Das Highlight meines Aufenthalts ist mein Zimmer. Und das ist erstaunlich, denn ich bin für rustikalen Landhaus-Charme mit begrenztem Luxus normalerweise nicht wirklich zu begeistern. Was das Interieur der Borgerstue für mich aber interessant macht, ist der „sense of place“, der hier eingeflossen ist.  

Was manche Hotels angestrengt faken, gibt hier das Haus vor: ein Interieur-Konzept, das aus der Geschichte des Gebäudes gewachsen ist. Jedes der Zimmer sieht anders aus, und jedes erinnert an seine frühere Bestimmung. Die rustikalen Holzbalken – immerhin handelt es sich um eine typische norwegische Bauweise –, die Bilder an der Wand und einige Originalmöbel erzählen Geschichten. Die moderne Ausstattung mit Laminat und sorgfältig ausgewählten Stilmöbeln sorgen gleichzeitig für zeitgemäßen Wohnkomfort. Die großen Kastenfenster, und von denen hat das Haus viele, machen mit ihren goldfarbenen Riegeln schon beim Ansehen Spaß; noch mehr, wenn man sie öffnet und die frische Waldluft hereinlässt.  

Wer sich in den urigen Stil verliebt, kann sogar ein Stück davon mit nach Hause nehmen: Draußen an der Fassade steht nicht umsonst „Café, Hotel & Interior“. Auf dem Dachboden gibt es eine kleine Auswahl von Möbeln und Deko-Artikeln zum Kauf.

Das Paradies jedes Frühstücksfans

Die Gastronomie der Borgerstue hat ebenfalls etwas zu bieten, das Sie in keinem größeren Hotel finden werden: typisch norwegisches Essen wie bei Mama. Am Frühstücks-Buffett fühle ich mich, als wäre ich zu einer opulenten Familienfeier eingeladen worden. Der landestypische Lachs ist üppig vertreten und von wundervoller Qualität. Hausgemachte Milchspeisen mit den ebenfalls typischen Beeren schmecken wie das Lieblingsdessert, das Großmutter macht, wenn die Enkel zu Besuch kommen. Die Vielfalt von Kuchen ist verblüffend – und komplett selbstgemacht 

Bei der Brotauswahl und Qualität können die meisten 5-Sterne-Hotels der Welt gegen die Borgerstue einpacken: Die Besitzer backen gleich mehrere Sorten selbst, die zum Frühstück noch dampfend aus dem Ofen auf den Tisch kommen. 

Abends serviert das hauseigene Café-Restaurant norwegische Hausmannskost von hoher Qualität. Wer die Landesküche schätzt, kann getrost auch abends hier einkehren: Besser kann man in der Umgebung nirgends speisen. Meine ofengebackene Forelle mit frischen Kräutern etwa ist ein Geschenk der Natur. Die Tische sind liebevoll eingedeckt und mit geschmackvoll abgestimmten Blumen-Arrangements dekoriert – ein bisschen Biedermeyer-Therapie für abgestumpfte Minimalisten.

Eggedal-Borgerstue-Norwegen
Eggedal-Borgerstue-Norwegen

Gastkultur statt Bettenbunker

Bekomme ich in einem familiengeführten kleinen Hotel wie der Borgerstue denselben Komfort und das umfangreiche Service-Angebot eines großen Hotels? Natürlich nicht. Habe ich die Annehmlichkeiten, die ich aus meinen übrigen 250 Hotelnächten im Jahr gewöhnt bin, auch nur eine Sekunde vermisst? Absolut nicht. Denn im Gegenzug bekomme ich all die Dinge, die gerade in den immer gleichen Stadthotels – auch in Oslo – immer schwerer zu bekommen ist: echte Gastfreundschaft, echte Landeskultur, echte Hausmannskost und vor allem: eine echte Auszeit.  

Wer wegen der Kultur, den Holzhäusern, der frischen Hausmannskost und den atemberaubenden Waldlandschaften nach Norwegen kommt, der ist hier richtig. Wer sich tatsächlich vorstellen kann, das Smartphone einmal beiseitezulegen und bei Einheimischen aus Fleisch und Blut zu Gast zu sein, ist in der Borgerstue erst recht besser aufgehoben als in jedem langweiligen City Hotel in Oslo. Smartphone aus, raus aufs Land, tief durchatmen und Lachs essen: Das ist Norwegen!  

Die Wertung auf der Travelgrand-Skala:  

  1. Ausdrückliche Reisewarnung
  2. Besser als unter der Brücke
  3. So la-la, nicht O-la-la
  4. Meckern auf hohem Niveau
  5. Wenn’s nur immer so wäre 
  6. Ganz großes Kino

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