Mut zur luxuriösen Lücke: Citizen M Zürich

Mut zur luxuriösen Lücke: Citizen M Zürich

„Affordable Luxury“– die niederländische Citizen M Hotelkette verspricht viel für wenig. Aber tröstet die Top-Location über das „less“ an Luxus auch in Zürich hinweg?

Amsterdam, London, New York und jetzt auch in Zürich – die Boutique-Hotels der Citizen M Hotelkette empfangen den smarten Weltenbummler und Geschäftsreisenden im Zentrum der schönsten Metropolen weltweit. Am Tower of London oder in Manhatten Midtown quartiert sich der kosmopolitische Hipster in bester Innenstadt-Lage am Puls der Großstadt ein.

Nachdem ich mich vor zwei Jahren auf das Experiment „Luxury for less“ im royalen London eingelassen habe, teste ich erneut eine Prise erschwinglichen Luxus. Diesmal im gediegenen Zürich. Ein Hotel, das so malerisch wie eine Bootsfahrt auf dem Zürichsee sei, wird mir versprochen. Ich hoffe bei meiner Anfahrt inständig, dass besagter See aktuell keinen Wellengang hat.

Top-Lage in Nähe der exklusivsten Einkaufsmeile der Welt

Was bereits in der königlichen Hauptstadt wie ein Widerspruch in sich klingt, scheint noch unmöglicher in das gut betuchte Zürich zu passen. Immerhin liegt das Hotel nur einen Steinwurf von der Bahnhofsstraße entfernt. Luxus gehört hier zum Alltagsjargon, denn die Züricher Einkaufsmeile ist eine der teuersten und exklusivsten überhaupt.

Genau dieser Herausforderung widmen sich die Gründer der 2008 initiierten Hotel-Kette mit Hingabe. Das scheinbar Widersprüchliche umsetzen, auch in Zürich. Für die Grand-Hotellerie scheint es gewagt. Die Gastgeber, übrigens allesamt keine Hoteliers, etikettieren den klassischen 4-Sterne-Luxus in schlicht und zweckmäßig um. Heißt konkret: Das Gast findet einzigartige Designhotels zum kreativen Arbeiten, Entspannen bei einem After-Work-Drink und zum Schlafen vor. Nicht mehr und nicht weniger.

Mit dem Citizen M Hotel in Zürich sind dabei die Weichen für die Unternehmensexpansion im deutschsprachigen Raum gestellt. Im denkmalgeschützten Bau des Architekten Roland Rohn empfangen die herzliche Hoteldirektorin Tamara Dias und ihr Team seit August letzten Jahres ihre Gäste aus der ganzen Welt.

Plakativer Self-Service. Luxus versteckt im Mantel des Wohlfühlfaktors

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Sympathischer Humor vom Display. Die Memos an den Wänden, ein weiteres Markenzeichen aller Citizen M Hotels, entlocken selbst dem Jetlag-geplagten Weltenbürger ein zaghaftes Lächeln. „hello super-fast self check-in, nice to meet you“ . Diese plakative Begrüßung entspricht ganz den Tatsachen und wirkt freundlicher als manch ein Rezeptionist am Ende seiner Schicht. Die Automaten zum Check-In sind so leicht zu bedienen, dass selbst ein ungeduldiger Gast wie ich es bin schnell ins Zimmer findet.

Natalia Jaworski, eine der zahlreichen „Ambassadors“ wartet an diesem Tag für den Fall eventueller Vorkommnisse geduldig und immer mit einem Lächeln auf den Lippen am Tresen. Viel zu tun bekommt sie an diesem Abend allerdings nicht.

Der erste Eindruck des Design-Hotels ist sympathisch und kreativ. Mit den roten Farbtupfern inmitten des grau-weiß gehaltenen Interieurs und den gemütlichen Vitra-Möbeln wirkt alles einladend auf mich, wie angekündigt.

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Selbst ist der Gast

Der „Mach es einfach selbst“-Charakter setzt sich als Teil des Konzepts über den Tag fort. Das Frühstück ist im Kantinenstyle und mit „canteen M“ auch genauso betitelt. Das ist so minimalistisch, dass es schon wieder trendy daherkommt. Wie früher zu Studienzeiten lade ich morgens meine Cerealien und ein paar Vitamine auf mein Tablett. Dieses befördere ich nach dem Verzehr ganz pflichtbewusst in die vorgesehene Rückgabestation zurück.

Klingt wenig luxuriös. Ich hinterfrage dieses Tun allerdings nicht, denn es passt zum Haus. Es mag daran liegen, dass ich das Konzept bereits erlebte, vielleicht an dem guten Kaffee oder dem Wohlfühlflair, das aus jeder Ecke auf den Gast einströmt. Jedenfalls verzeihe ich sogar, dass der Cappuccino ohne unnötige Untertasse, quasi nude serviert wird.

Für Verpflegung ist auch nach dem Frühstück gesorgt. Sollte das kleine Hüngerchen den zeitzonendurchquerenden Weltreisenden mitten in der Nacht plagen, versorgt er sich an der Bar oder dem Verpflegungsbereich mit verschiedenen kalten und warmen Snacks – 24/7.

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Herzlichkeit braucht keinen Marmorboden

Im Mittelpunkt steht im Citizen M Zürich definitiv der Mensch, ganz egal welcher. Einen stereotypen Gast treffe ich jedenfalls nicht. Am Frühstückstisch sitze ich mit älteren Kalibern, jungen Hipster-Burschen, adretten Business-Managern und intellektuellen Künstlern zusammen. Auch tagsüber trifft man sich in der geräumigen, durchgestylten Lobby wieder, denn die spartanischen Zimmer laden nicht zum längeren Verweilen ein.

Was das Klientel von anderen Boutique-Hotels unterscheidet, ist die positive, fast ausgelassen fröhliche Stimmung. Jeder ist entspannt und gut gelaunt. Die Haltung der Mitarbeiter überträgt sich eben auf die Gäste und diese spüren dies deutlich. Die Gastfreundschaft ist nicht aufgesetzt oder künstlich erzwungen. Jeder im Team ist ganz er selbst und stellt mit seiner individuellen Herzlichkeit und seinem zuvorkommenden Respekt den Gast in den Vordergrund. Ich blicke hinter die Kulissen und tatsächlich. Als ich dem morgendlichen Team-Meeting mitten in der Lobby beiwohne blicke ich nicht in müde, sondern durchweg strahlende Gesichter. Unbezahlbar!

Als All-inklusive-Service verwöhnter Gast schlucke ich schwer, als ich erfahre, dass auch in Zürich Room-Service nicht offiziell zur Tagesordnung gehört. Ich versuche trotzdem mein Glück und werde von den Mitarbeitern erneut begeistert. Die inoffizielle Hotel-Guideline ermöglicht es dem Ambassador, zur gegebenen Zeit ganz im Sinne des Gastes zu handeln. Ich bekomme meine Lieferung und bin aufgrund der Spontanität beeindruckt. So geht Service auch ganz ohne Marmorboden! Hier entscheidet nicht der Prozess, sondern der Wunsch des Gastes.

Raumwunder mit tiefen Ausblicken

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Die Zimmer sind ebenso schlicht wie schmal. Das kenne ich aus London und bin daher nicht so schockiert wie beim ersten Mal. Die drei Meter Raumbreite bergen immerhin nicht die Gefahr, dass sich der Gast verirrt. Sicherheit kann eben auch eine Form von Luxus sein. Das Kingsize-Bett ist eingebaut, nur von einer Seite aus beziehbar und nimmt den Großteil des Zimmers ein.

Eine größere Zimmerkategorie innerhalb der insgesamt 160 buchbaren Räume gibt es nicht, das spart zumindest Zeit bei der Entscheidungsfindung vorab. Via iPad kann ich die Klimaanlage einstellen, die Rollläden der bodentiefen Fenster runterfahren oder den Flachbildfernseher einschalten. Jeder Zentimeter ist ausgenutzt, es fehlt praktisch an nichts. Außer an Platz für meine Yoga-Routine. Die spare ich mir allerdings mit Blick auf den Boden: Laminat. Dieser Bodenbelag passt nun wirklich nicht in eine 4-Sterne-Unterkunft und schmälert den Charme dann doch etwas.

Zum Glück lenkt die tolle Aussicht auf die Züricher City ab. Die erfrischend andere Dekoauswahl zieht meine Aufmerksamkeit ebenso schnell auf sich. Wer keinen Akku mehr für seinen Kindle hat, greift zur Lektüre aus dem Regal, oder lässt sich wahlweise ein Kabel bringen. In Ruhe arbeiten oder lesen geht hier ganz wunderbar. Alle Zimmer sind schallisoliert, Straßenlärm von draußen schafft es nicht an meine Ohren.

Das Einbau-Bad ist auch in Zürich für große Menschen eine Herausforderung. Da heißt es nur, Tür auf oder blaue Flecken. Immerhin sind die Armaturen zwar etwas schlicht, dafür aber qualitativ hochwertig von Hans Grohe. Damit kann ich gut leben, die etwas überdimensionierte Regendusche hat zumindest ordentlich Power. Bei meinem Aufenthalt allein fühle ich mich pudelwohl.

Zu zweit müsste man dann doch etwas zusammenrücken und sich sehr, sehr lieb haben. Meine Nacht ist auch allein schon heiß genug unter der zu warmen Bettdecke. Dass die Kissen so sanft seien, wie gerade gefallener Schnee auf einem Berggipfel kann ich nicht bestätigen. Jemand hat mir scheinbar die Gipfelschneise ohne Schnee gegeben. Ich wache daher nicht wirklich erholt am nächsten Morgen auf. Freue mich aber um so mehr über das Wiedersehen mit den anderen Weltenbummlern beim Frühstück.

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Charme überzeugt – das Citizen M wird mich wieder begrüßen!

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Das Citizen M Zürich hält, was es verspricht und erfüllt meine Erwartungen absolut. Für das schmale Budget zwischen 170 und 220 CHF die Nacht, bekommt der Gast einen komfortablen Aufenthalt und das luxuriöse Extra an Herzlichkeit und Freude geboten. Einen neuen Fan hat das Citizen M in der Schweiz gewonnen: Neben dem Baur au Lac und dem Park Hyatt zählt das Citizen M ab sofort zu meinen Lieblings-Hotels in Zürich.


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